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Muss man wirklich erst „ in die Jahr kommen“ und ein gewisses Alter erreicht haben, dass man sich intensiv an Geräusche und Gerüche aus frühester Jugendzeit erinnern kann? Dass man den Geschmack seiner „ Leibspeisen“ aus den Kindertagen auf der Zunge zu spüren glaubt? Oder haben ältere Menschen mehr Zeit über lange zurückliegende schöne Erlebnisse und alltägliche Begebenheiten des Alltags aus den Jugendjahren nachzudenken? Früher war alles schöner, gemütlicher und die Menschen waren freundlicher. Diese Worte sagte meine Großmutter oft, wenn sie mit den Nachbarn plauderte und ich fragte mich schon damals, wann war denn eigentlich diese hoch gelobte, schöne„ Früher-Zeit“ ? Wenn ich meine Großmutter danach fragte, dann lachte sie und erzählte mir Geschichten aus ihrer Jugendzeit. Früher, als ich noch ein Kind war……., so begannen ihre Erzählungen und sie schwärmte von dieser Zeit, obwohl sie schon als kleines Kind bestimmt viel im landwirtschaftlichen Elternhaus mitarbeiten musste. Inzwischen sind 65 Jahre vergangen und auch ich erinnere mich sehr gerne an meine eigene Kinderzeit in der alles schöner und gemütlicherwar und die Menschen zueinander freundlicher und hilfsbereiter waren. Meine Großmutter hatte eine geräumige Umhängetasche, die aus Weichlederflicken verschiedenster Farben zusammengenäht war. Wenn wir in der nahen Umgebung unserer Kleinstadt unterwegs waren, hatte Oma immer ihreTasche dabei und sammelte auf dem Nachhauseweg alles ein, was ihr nützlich sein konnte. Tannenzapfen für den Ofen, Pilze, Haselnüsse oder auf abgeernteten Feldern liegen gebliebene Kornähren oder Kartoffeln. Mitte Juli bis Mitte August sammelte sie an den von der Sonne beschienenen Feldrainen viele prall gefüllte Ledertaschen mit den Blüten und Stielen des blau blühenden Feldthymians ( Quendel), der bei uns in Oberfranken den Namen K o u n a l a hat. Er wurde auf dem obersten Dachboden auf Packpapier getrocknet und dann in einem alten Kopfkissenbezug aufbewahrt. Meine Mutter und meine Tante arbeiteten beide in der nahen Porzellanfabrik unserer Kleinstadt. Meine Tante schlief in einer der beiden Dachkammern, Oma in ihrem kleinen Schlafzimmer im ersten Stock des Hauses und meine Mutter und ich bewohnten die beiden Zimmer im Erdgeschoß des Einfamilienhauses. Mein Vater ist im II. Weltkrieg in Russland gefallen und meine beiden Ur- Großväter starben beide innerhalb einer Woche unabhängig voneinander und waren gleichzeitig in der Leichenhalle aufgebahrt.Meine Oma kümmerte sich die meiste Zeit um mich und ich begleitete sie bei ihren Besorgungen in der Stadt. Meine Großmutter mütterlicherseits verstarb schon 1949, da war ich 5 Jahre alt.Immer zur Adventzeit duftete es im ganzen Haus aufregend köstlich und geheimnisvoll. Da wurde in einer Pfanne ohne Fett der Anissamen geröstet, der dann mit einem Mörser zerkleinert wurde bis er dem schaumigen Eierteig der Anisplätzchen den herrlichen Geschmack gab. Die ungebackenen Plätzchen mussten wie die Springerle über Nacht trocknen, damit sie goldgelbe luftige „ Füßchen“ bekamen. Der Teig für die Springerle wurde in unterschiedlich große, geschnitzte Holmodeln gedrückt, um die herum mit einem kleinen gewellten Rädchen aus Porzellan an einem Holzgriff, ein Muster in den Teig gedrückt hat, wobei gleichzeitig das Plätzchen „ausgeradelt“ wurde. Ein hauchdünn mit Öl behandeltes Backblech wurde mit einer Mehlwolke bestäubt und nahm dann die Teigrechtecke auf, die erst am anderen Tag gebacken wurden. Der alte AEG-Elektroherd meiner Oma hatte nur eine kleine Backröhre und nur Ober- und Unterhitze. Die Umluftbacköfen kamen erst viel später in den Handel. Es dauerte also viele Tage, bis alle Weihnachtsplätzchen gebacken und alle Zutaten besorgt waren. Natürlich durfte ich helfen und knetete auch kräftig den Teig, nachdem mir Oma mindestens dreimal die Hände und Unterarme gewaschen hatte. Dazwischen zog sie mich auch warm an und schickte mich runter in unseren Hof, wenn der Freund aus dem Nebenhaus meinen Namen rief. Dann wurde ein Schneemann gebaut oder auf dem glatten schneebedeckten Gehweg geschlittert. Nicht selten war dann der von mir geknetete Teig mehr als einen Ton dunkler als der Teig von Oma. Dann durfte ich mir “m e i n e e i g e n e n “ Plätzchen ausstechen und auch ganz alleine essen, nachdem sie mir die Oma gebacken hatte. Ihre Zimtsterne dufteten nach Orient und Burgund. Sie waren mit einer roten Zuckerglasur bestrichen, die aus Staubzucker, Rotwein und ein paar Tropfen Arrak angerührt wurde. Ich hoffte immer inständig, dass von den runden, in der Mitte mit Marmelade gefüllten Plätzchen eines oder zwei auf dem Backblech kleben bleiben und zerbrechen, wenn man sie lösen wollte. Die durfte ich noch lauwarm vernaschen. Zwei gleichgroße kreisförmige Plätzchen werden ausgestochen, aus einem der Kreise sticht man noch mal einen kleineren Kreis aus, sodass ein Ring entsteht. Beide Teile werden hellgelb gebacken, dann der Kreis mit Beerenmarmelade bestrichen und der Ring angedrückt. Ein unvergessliches Dufterlebnis, welches in einer Blechdose zwischen Pergamentpapier unbedingt erst mal eine Woche lang „ reifen“ sollte. In Baden-Württemberg heißt diese Köstlichkeit Hildabrötchen, in Oberfranken waren es die Spitzbuben, auch als Johannis-Plätzchen kennt man sie. Das Zitronat und Orangeat für den Weihnachtstollen musste man erst aus der halben kandierten Schale der Pommeranze und der dickeren kandierten Fruchtschale des Zedratbaumes in kleine Würfel schneiden, diese mit in Rum eingelegten Rosinen vermengen, dann die gehäuteten gemahlenen Mandeln und Bittermandeln dazu geben, Arrak unter den Hefeteig kneten und alles mischen. Der Stollen wurde währen des Backens mehrmals mit zerlassener Butter eingestrichen und duftete verführerisch, wenn das Bratrohr geöffnet wurde. Man sollte den fertigen Stollen mindestens zwei Wochen lang nicht anschneiden. Nach drei bis vier anstrengenden Backtagen an denen meine Oma unzählige Male die Treppe im Haus, die Kellertreppe und die Treppe zum Dachboden bewältigt hatte, die Wegstrecke zu den Lebensmittelläden, zum Bäcker, zum Metzger und zum Milchgeschäft gar nicht mit dazu addiert, sagte sie oft am späten Nachmittag: „Bub, geh mal bitte die Bodentreppe hoch und hole mir den Sack mit den getrockneten Kounela.“ Dann füllte sie drei Hände voll der Kounela in ein emailliertes ovales Handwaschbecken, streute einen Esslöffel voll Speisesalz darüber und schüttete kochendes Wasser dazu. Nun musste alles stehen bleiben, bis sich die Wassertemperatur soweit abgekühlt hatte, dass Oma ihre beiden Füße in das Waschbecken stellen konnte. Der angenehme Geruch der ätherischen Öle der Kounela zog durch das ganze Haus und man konnte nicht mehr riechen, dass wenige Stunden vorher noch gebacken wurde. Meine Oma brauchte diese Fußbäder in der kalten Jahreszeit und behauptete, dass sie ohne dieses Wunderkraut längst nicht mehr laufen könnte. Wir hatten ein paar Hühner , die im Schuppen untergebracht waren und die tagsüber im Hof und im Kräutergarten frei herumliefen. Ich fand es immer lustig, wenn Oma behauptete, dass sie an den Füßen Hühneraugen hat und was Frostbeulen sind war mir total fremd. In meiner Fantasie stellte ich mir immer vor, dass nahe der Hühneraugen auch ein Schnabel sein müsste und Oma mit ihren Füßen im Garten Regenwürmer fangen könnte, wie die Hühner.

Ich beschäftige mich auch gerne mit Naturheilkunde und mir ist der wilde Thymian (Quendel) mehr als „ Wurstkraut“ und als Tee zur Befreiung der Atemwege bekannt. Eine entspannende Wirkung wird auch versprochen. Der intensive Duft ist auch jetzt nach vielen Jahren unvergessen. Ich habe einmal meine Enkelin zur Nachtangelei auf Aal mitgenommen und als wir beide nachts bei Dunkelheit einen Waldweg entlang liefen und am Ende des Weges auf ein freies Feld trafen, da blieb ich wie angewurzelt stehen und sagte:„ Hier wachsen Kounela, ich kann sie riechen !“ Später bei Tageslicht schaute ich genauer hin und tatsächlich, am Feldrain wuchs Quendel. Als ich ein paar Blätter zwischen den Fingern zerrieben hatte und meine Enkelin den Duft des Thymians in die Nase bekam, rannte sie weg und meinte es würde grausam stinken. Ich habe sie nicht zurück gerufen, denn sie hätte mir nicht zugehört, wenn ich ihr mit den Worten „ Früher, als ich noch ein Kind war……………., versucht hätte, ihr eine Geschichte über die unvergesslichen Dufterlebnisse meiner Jugendzeit zu erzählen.
Frohe Weihnachten und einen unvergesslichen Jahreswechsel wünsche ich noch ! 2012 wird „ h u r t i g g e s c h w i n d l e i n “ (Ein Lieblingswort meiner Großmutter) ein ereignisreiches Jahr 2011 ablösen.......................... Bleibt alle gesund !


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