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1950 gab es bei uns auf dem Land auch noch manchen Bauern, der ausser ein paar Hühnern und Tauben kein weiteres Federvieh auf seinem Hof hielt. Man hatte auf Milchwirtschaft umgestellt oder mästete Schweine, da war das Angebot an Futter mehr auf diese Tiere ausgerichtet und auf den Feldern wurde mehr Klee, oder Mais und Rüben als Getreide angebaut. Es gab einen Einöde-Bauernhof mit einer Sägemühle, der zwischen zwei Dörfern vom Wald umgeben an einem klaren plätschernden Bach stand und der wegen seines großen Mühlrades an Sonn –und Feiertagen Anziehungspunkt vieler Wanderer war. Wenn der Müller gut gelaunt war, konnte man bei ihm auch schon mal eine Flasche Bier kaufen, oder er schenkte freigiebig einen Schnaps ein, wenn er den Besucher kannte. Auf einer eingezäunten Wiese entlang des Mühlbaches schnatterte aufgeregt eine große Herde Gänse, wenn Besucher zu der Mühle kamen und einer der Ganter rannte auch schon mal gefährlich fauchend mit lang gestrecktem Hals am Zaun entlang und verteidigte seine Gänseschar. Als Festtagsbraten waren die Gänse der Schnepfen- Mühle im weiten Umland als hervorragend wohlschmeckend und muskulös bekannt und begehrt. Man musste schon im Sommer die Bestellung für Weihnachten verbindlich erledigen, um an einen solchen Gänsebraten zu gelangen, denn die Anzahl der Gänse war trotz der optimalen Gegebenheiten doch begrenzt und manchmal gelang es auch dem Fuchs sich eines der Tiere zu holen. Der Gerch hatte das Glück gehabt, seine Bestellung hatte geklappt und nun, 3 Tage vor dem heiligen Abend wollte er den Braten zu sich nachhause holen. Das war gar nicht so einfach. Die Straße war tief verschneit und der Wind hatte hohe Schneewehen aufgetürmt. Da war mit dem Pferdefuhrwerk und dem Schlitten kein Durchkommen. Also machte sich der Gerch zu Fuß auf den Weg von seinem Bauernhof zum Bahnhof, um mit dem dreimal am Tag verkehrendem Bummelzug wenigstens einen Teil der Wegstrecke zurückzulegen. Zwar fuhr der Zug direkt an der Schnepfen- Mühle vorbei, jedoch war da keine Haltestation. So musste der Gerch schon einen Bahnhof vorher aussteigen und stapfte durch den Schnee bis zur entlegenen Mühle. Er und der Müller kannten sich natürlich schon viele Jahre und der Müller war sichtlich erleichtert und froh, dass eine der bestellten Gänse trotz des widrigen Wetters noch abgeholt wurde. Er schenkte dem Gerch einen doppelstöckigen Schnaps ein, damit dieser auch innerlich wieder warm werden sollte und bot ihm dann noch an, ihn mit seinem Pferdefuhrwerk bis zum nächsten Bahnhof mitzunehmen, da er im Ort noch einigen Besorgungen zu erledigen hätte. Das freundliche Angebot nahm der Gerch natürlich freudig an und beide fuhren auch gleich los. Der Bahnhof des Dörfchens lag etwas außerhalb der Ortschaft und nebenan war eine gut besuchte Ausflugsgaststätte, in der im Sommer die Wanderer und im Winter die Skifahrer gerne einkehrten, um sich aufzuwärmen und um auf die Abfahrt des nächsten Zuges zu warten. Mit dem Morgenzug ist der Gerch angereist, den Mittagszug zurück hatte er um 2 Stunden verpasst, nun musste er bis zur nächsten Abfahrt um 17 Uhr warten.Die Rückfahrkarte hatte er ja schon in der Tasche, also setzte sich der Gerch in die Gastwirtschaft mit an den Stammtisch und bestellte sich eine deftige Brotzeit zu seinem schäumenden Bier. Ein paar Einheimische am Nebentisch wollten gerne Schafkopf spielen, aber es fehlte ihnen der vierte Mann dazu. Also fragten sie den Gerch, ob er denn Zeit und Lust hätte mitzuspielen. Und ob er wollte ! Er hatte ja auch noch fast zwei Stunden lang Zeit bis zur Zugabfahrt und gemütlicher war es in der warmen Gaststube als im kalten Wartesaal des Bahnhofs auf jeden Fall. Ach was war das doch für ein schöner Tag ! Weit weg von zuhause und der nörgelnden Ehefrau und sogar das Spielerglück war ihm hold. Die Karten meinten es gut mit ihm und er gewann auch ein paar Mark, sodass sein Gewinn mehr war, als die Höhe seiner Zeche. Zwischen zwei Spielen wenn die Karten neu gemischt wurden, schaute er hin und wieder mal auf seine Taschenuhr, damit er nur nicht den Bummelzug in Richtung Heimatdorf verpasst. Er hätte jetzt auch schon gehen müssen, aber ausgerechnet beim vorher angekündigten letzen Spiel, bekam er vier Ober auf die Hand und zwei Asse. Das genoss er natürlich, indem er langsam Karte für Karte mit breitem Grinsen ausspielte und die Enttäuschung und den Ärger seiner Mitspieler in ihren Gesichtern lesen konnte. Doch was war das? Ist nicht eben der Bummelzug an der Wirtschaft vorbei gefahren? Hoffentlich steigen am Bahnhof viele Leute aus und ein, damit der Zug eine Weile stehen bleibt !Gerch schnappte sich seinen Rucksack mit der toten Gans und seinen Mantel und den Hut und rannte wild mit den Armen fuchtelnd in Richtung Bahnhof. Fast hatte er den letzten Waggon erreicht, als der Zug schnaubend anfuhr. Es war dunkel geworden und Gerch zog seinen Mantel an und schulterte den Rucksack, bevor er sich auf der Bahnschiene entlang zu Fuß auf den mühsamen Heimweg begab.Er kam auch wieder an der Schnepfen-Mühle vorbei, jedoch brannte kein Licht und er wollte auch so schnell als möglich endlich wieder heimkommen. Es fing an in dichten Flocken zu schneien und Gerch stapfte von Bahnschwelle zu Bahnschwelle, die er durch den Schnee noch gut erkennen konnte.
Oberhalb des Bahndamms stand auf freier Strecke ein Bahnwärterhaus und der diensthabende Bahnwärter staunte nicht schlecht, als er mitten auf der Schiene eine mantelbekleidete Person heranwanken sah. Er trat vor das Bahnwärterhaus und rief zu der Gestalt hinunter: „ He, was soll denn das, geh mal von den Gleisen herunter, wenn ein Zug kommt, den hörst Du doch nicht. Es ist verboten die Schienen zu betreten!“Da hat sich der Gerch aus seiner vorgebeugten Haltung aufgerichtet und hat mit wütendem Gesicht in der Manteltasche gewühlt, hat dann den Arm in die Luft gestreckt und mit kräftiger und lauter Stimme hoch zu dem Bahnwärter gerufen:“ Leck´ mich am Arsch Du Eisenbahner, schau her, ich habe eine gültige Fahrkarte !“ Dabei hielt er die Fahrkarte in seiner Hand und fuchtelte wild damit herum. Ein Stück weiter verließ er dann die Eisenbahnschienen und stapfte quer über die Felder zu seinem Dorf. Das war näher, als wenn er vom Bahnhof aus heimgelaufen wäre. Der Bahnwärter erzählte den Vorfall an seinem Stammtisch im Wirtshaus und es dauerte nicht lange, bis die ganze Region davon erfuhr. Wenn dann im Wirtshaus am Stammtisch jemand unbeabsichtigt den Stammplatz eines anderen eingenommen hatte und dieser ihn aufforderte sich einen anderen Stuhl zu suchen, bekam er nicht selten als Antwort: „ Leck mich am Arsch, ich hab´ doch eine Fahrkarte.“Tja, deftig sind sie manchmal schon die Franken und wie man sehen kann, nehmen sie für einen guten Gänsebraten auch bei schlechtem Wetter weite Wege in Kauf. Frohe Weihnachten und guten Appetit!



Die Weihnachtsgans.

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