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Ich war noch 5 Jahre alt, als ich im Herbst 1950 in unserer Kleinstadt eingeschult wurde. Nach meinem 6. Geburtstag im November zogen wir um in ein kleines Dorf und ich wechselte auch die Schule. Alles war plötzlich ganz anders und völlig neu für mich und weil ich noch keine „ besten Freunde “ hatte  widmete ich meine freie Zeit meinem wenigen Spielzeug und  malte mir in Gedanken die  abenteuerlichsten Geschichten bis in die kleinsten Details aus.  Natürlich war nur ich der Held meiner erdachten Abenteuer und befreite auch immer zuverlässig nach wüsten und harten Kämpfen meine heimlich verehrte Schulkameradin aus meiner neuen dörflichen ersten Klasse. Meistens aus den Händen von Ganoven oder Raubrittern, oder einer Horde wilder Indianer. Das ging so weit, dass ich mich auch tagsüber bei der Erledigung mir übertragener Aufgaben nach der Schule noch gedanklich in so manchem wilden Kampf befand, dass ich oft, wenn ich jäh in die Realität zurückgeholt wurde, peinliche Situationen erlebte. Ich erinnere mich noch heute, dass mich meine Mutter einmal in den nahen KONSUM-Laden am Dorfplatz geschickt hat, um dort 5 kg Kartoffeln zu kaufen. Kaum hatte ich das Haus verlassen, erlebte ich in Gedanken eine wilde Verfolgungsjagd mit grausamen Indianern und ich rannte so schnell ich konnte in Richtung Dorfplatz. Als ich im Laden angekommen war und  Kartoffeln verlangte, meinte die  gemütliche Frau des Dorfbäckers lächelnd, dass ich mich in einer Bäckerei befinde und  Brot und Brötchen kaufen könnte, Kartoffeln würde ich aber ganz bestimmt im nahen KONSUM bekommen. Auweia, war mir das peinlich! Die Bäckerei lag auch auf meinem Weg zum Dorfplatz, ich hätte mich besser konzentrieren sollen. Nach ein paar Wochen kannte ich aber jedes Haus in unserem Dorf, hatte auch Freunde und der nahe Wald war nach der Schule unser Abenteuer-Spielplatz. An unserem Haus floss der Dorfbach vorbei und schräg gegenüber wohnte ein Landwirt, bei dem wir jeden Abend 3 Liter Milch kaufen konnten. Manchmal begleitete ich meinen Vater oder meine Mutter wenn sie die Milch holten, doch immer mit einem leichten Schauder im Rücken, denn das Landwirtsehepaar war schon älter, hatte keine Kinder und verhielt sich  mir gegenüber„ merkwürdig freundlich „ !  Wenige Tage vor Weihnachten waren abends nach 18 Uhr meine Eltern sehr beschäftigt und fragten mich, ob ich denn nicht mal alleine die Milch holen könnte. Natürlich konnte ich das! Ich nahm unsere 3Liter fassende Aluminium-Milchkanne und rannte durch Schneegestöber über die Brücke unseres Dorfbaches am Feuerwehrhaus vorbei um die Ecke zu unserem Milchbauern………und  erschrak. Bis hierher war mein Weg von der Straßenlaterne beleuchtet. Hinter dem Feuerwehrhaus erwartete mich eine unheimliche Dunkelheit bis zum Hoftor des Bauern. Auch der schmale Pfad durch den tiefen Schnee im Hof selbst, lag in tiefer Schwärze vor mir, nur über der Haustüre brannte eine kleine Lampe. Jetzt könnte ich noch umkehren, aber kehren Helden um? Niemals ! In meiner Fantasie hörte ich meine von mir verehrte Schulfreundin kläglich aus dem Stall um Hilfe rufen und  der in der Kälte dampfende Misthaufen wurde zum feuerspeienden Vulkan. Beinahe hätte ich gerufen :“ Halte durch, ich komme….“ , aber dann hätte ich ja verraten, dass ich unterwegs bin ! Also schlich ich mich lautlos in gebückter Haltung wie ein Indianer über den dunklen Hof in Richtung Haustüre, jeden Schneehaufen als Deckung nutzend. Vorsichtig und leise öffnete ich die Türe, doch dahinter war alles dunkel. Niemand zuhause? Ich tastete die Wand nach einem Lichtschalter ab, ich fand keinen. Aber ich fühlte die Milchkanne in meiner Hand und besann mich meines Auftrags. Am anderen Ende des langen dunklen Hausflurs war die Türe zum Stall halb offen, also rief ich in diese Richtung den Namen des Bauern. Ich bekam keine Antwort. Ich stellte mich wieder ins Freie vor die Haustüre, denn da leuchtete wenigstens die kleine Lampe über der Türe und rief erneut den Namen. Wieder bekam ich keine Antwort. Es war ein typischer fränkischer Viereck-Bauernhof. Dem quer stehenden Wohnhaus gegenüber war eine hohe Scheune, die die Sicht zur Straße verdeckte, links an der Seite befand sich der Kuhstall und rechts eine Remise für den alten Traktor und das Brennholz und auch ein alter Backofen war zu erkennen. Ich trat durch die Stalltüre auf der Hofseite in den wohlig warmen Stall und blickte mich um. Keine Menschenseele weit und breit, nur ein paar Kühe und drei Schweine in einer Stallecke sorgten für Geräusche. Auf einigen aufgeschichteten Strohballen lag ein kleiner frisch geschlagener Tannenbaum, der für das nahe Weihnachtsfest  gedacht war. Weihnachten! Was würde das Christkind wohl für mich bereithalten? Ich überflog hastig in Gedanken nochmal meinen Wunschzettel, ob ich denn auch bestimmt nichts vergessen habe und betrat dabei wieder durch die Haustüre das Wohnhaus. Noch immer war es stockdunkel und wieder hörte niemand meine Rufe. Soll ich ohne Milch wieder heimgehen? Ich öffnete die Haustüre, sodass das Licht der kleinen Lampe ein wenig den dunklen Flur im Bereich der Tür erhellte und  blickte angestrengt über den Hof, ob ich nicht doch eventuell den Bauern oder die Bäuerin irgendwo  entdecken  könnte. Langsam begann ich auch zu frieren! Also gut, letzter Versuch ! Ich rief noch einmal so laut ich konnte mit meiner piepsigen Stimme den Namen des Bauern über den Hof, drehte mich um und betrat den Hausflur und da stand es vor mir. Das Christkind !

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Lange silbern glänzende Haare, ein weißes langes Kleid, in der Hand hielt es eine brennende Kerze und war von einer gleißenden warmen Helligkeit umgeben. Ich war sprachlos, hilflos und zugleich unsagbar glücklich, als mich das Christkind von einem Treppenabsatz herab mit der Kerze anleuchtete und lächelte. Dann sprach es mich an:“ Ach, Du bist es, kommst Du heute alleine zum Milch holen?“ Natürlich war das nicht das Christkind, jetzt sah ich es auch. Die nackten Füße steckten in viel zu großen Filzpantoffeln, das helle warme Licht fiel durch den Spalt der nur angelehnten Schlafzimmertüre und das blau-weiß karierte Schnupftabak-Taschentuch des Bauern in der Hand  passte schon gar nicht zu einer himmlischen Gestalt. Das weiße lange Kleid entpuppte sich als Nachthemd, als die Bäuerin die drei Treppenstufen zu mir herab kam. Sie sagte mir, dass sie erkrankt sei und das Bett hüten müsse, aber meine 3 Liter Milch würde sie mir schon schnell geben. Ihr Mann sei bestimmt im Keller beschäftigt und hat meine Rufe nicht gehört. Sonst kannte ich die Bäuerin nur mit einem akkurat geflochtenem Zopf, der zu einem Kranz auf dem Kopf festgesteckt war. Als sie mir  jetzt mit ihrem langen offenen Haar  eine Hand auf die Schulter legte und mich vor sich her in Richtung Küche schob und dabei noch immer mit der  brennenden Kerze leuchtete, fühlte ich mich  plötzlich hundeelend. Warum ist mir die schmale Hakennase der Bäuerin nicht schon früher aufgefallen? Warum kommt mir ausgerechnet jetzt die Geschichte von Hänsel und Gretel in den Sinn? Wie war das doch gleich? Hat nicht der Hänsel einen Knochen durch die Gitterstäbe gereicht, als er gemästet wurde? Wo kriege ich jetzt schnell einen Knochen her? Jetzt sah ich auch einen Zusammenhang zwischen dem großen Holzhaufen und dem alten Backofen unter der RemiseWährend mir all diese Gedanken durch den Kopf jagten hatte die Bäuerin meine Milchkanne befüllt und streichelte mir über den Kopf. Dann öffnete sie die Türe zu einem großen dunklen Nebenraum, ging hinein, drehte sich zu mir um, lächelte mich an  und  sagte mit einem dünnen lockenden Zeigefinger : „Komm mal  her, ich habe  was für Dich. Magst Du Lebkuchen? „    Lebkuchen ??  Jetzt hat sie sich selber verraten ! Knusper- knusper- knäuschen………., wie gemein von meinen Eltern, mich auf diese  Art und Weise  loszuwerden ! Kannst Du heute nicht mal alleine Milch holen? Die wussten doch genau was dann passiert! Ich stand wie angewurzelt als die Bäuerin wieder aus dem Zimmer kam und mir eine Tüte mit Lebkuchen und Pfeffernüssen in die Hand drückte. Dann knipste sie das Licht im Flur an und verabschiedete mich unter der Haustüre in die Freiheit!Erst sehr viel später erzählte die Bäuerin einmal bei der Feldarbeit, dass sie an Leukämie erkrankt war und dass ihr die schwere Arbeit auf dem Bauernhof nicht leicht gefallen ist. An manchen Tagen musste sie sogar tagsüber im Bett bleiben und einen solchen Tag hatte ich mir unwissend ausgesucht. Als ich älter war half ich oft auf dem Bauernhof mit und stellte fest, dass die „alte Hexe“ in Wirklichkeit eine herzensgute Frau war, deren Kinderwunsch unerfüllt geblieben ist. Das Christkind habe ich bis heute nie gesehen und das ist auch gut so. Jeder sollte sich in seinen Vorstellungen sein eigenes Christkind denken, egal wie es aussieht. Dem Christkind ist nur wichtig, das es nicht vergessen wird!  Frohe Weihnachten.

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Ich habe das Christkind gesehen. 

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