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 In ihrem Ausweis stand als Vorname Henriette doch in meinem kleinen fränkischen Dorf wurde aus jeder Henriette im Dialekt die Heinerett , ihre Freunde durften  auch Rettel  zu ihr sagen. Sie war schlank und weit über 60 Jahre alt, trug immer eine blaue Kittelschürze, war zu  immer freundlich und sie lachte gerne laut und herzhaft. Zweimal am Tag sah man sie die schmale Dorfstraße hinauf zur Kirche gehen. Dann sperrte sie die Kirchentüre auf, stieg die  Treppen zur Empore hoch und  dann weiter eine schmale Holzstiege hoch in den Glockenturm. Wenn sie oben angekommen kräftig an dem dicken Hanfseil mit dem Knoten am Ende zog , hörte man den Glockenklang noch weit über das Dorf hinaus  und die Bauern auf den Feldern wussten genau wie spät es  ist, denn man konnte tatsächlich die Uhr danach stellen. Es gab das Elfuhrläuten, welches  den Hausfrauen mitteilte, dass  sie sich um das Mittagessen kümmern sollten und welches von uns Kindern in der Schule  immer sehnlich erwartet wurde, denn dann war die Mittagspause nahe. Um 12 Uhr mittags heulte die Sirene der kleinen Fabrik im Ort, dann strömten die Arbeiter schnell nachhause zum Mittagessen um nach einem weiteren Sirenenton um 13 Uhr die Arbeit wieder aufzunehmen. Um 17 Uhr heulte die Sirene noch einmal kurz auf und verkündete den Feierabend. Pünktlich um 18 Uhr schallte dann wieder die Kirchenglocke über das Dorf, das war dann das Gebetläuten. Für uns Kinder war es  das Signal zum Abendessen, denn dann war auch der Vater aus der Fabrik heimgekommen, hatte  die Hasen gefüttert, eventuell noch ein paar Scheite Holz gehackt und  freute sich auf seinen bevorstehenden Abend im Kreise der Familie. Rettel versah das ihr auferlegte Ehrenamt stets pünktlich und zuverlässig und  zu jeder Jahreszeit. Oft war im Winter der Weg zur Kirche tief verschneit und der Wind hatte hohe Schneewehen aufgetürmt. Der von zwei Pferden gezogene hölzerne Schneepflug  musste zuerst die einzige Zugangsstrasse zum Dorf  mit einer Fahrspur freimachen und danach die  Wege aus dem Dorf zu den  abgelegenen Bauernhöfen. Rettel kämpfte sich durch den Schnee und die Glocken läuteten jeden Tag pünktlich wie immer. Nicht selten entluden sich im Sommer am Fuße unseres Hausberges im Fichtelgebirge schwere Gewitterfronten, sodass dem Blitz sogleich der grollende Donner folgte. Nicht selten waren es zwei oder mehr Gewitter gleichzeitig. Heftige Wolkenbrüche sammelten das Regenwasser auf der Dorfstrasse zu einem lehmgelben Sturzbach und in den Häusern fiel oft der Strom aus, wenn ein Blitz in die Trafostation eingeschlagen hatte. Bei dem Wetter jagt man keinen Hund auf die Straße sagte man damals im Volksmund, nur die alte  Rettel ging zuverlässig ihrer Pflicht nach und  zwischen lautem Donnergrollen  ertönte unsere Kirchenglocke. An heißen Sommertagen staute sich die Hitze im Glockenturm und  Rettel kam dann schweißgebadet nach frischer Luft ringend von Ihrer Tätigkeit wieder aus der Kirche. Rettel war verwitwet und bewohnte zusammen mit ihrer  unverheirateten Tochter ein kleines Häuschen gleich neben unserem Wohnhaus. Als sie wieder einmal zur Kirche ging und mich auf dem Weg dorthin zufällig traf fragte sie mich:“ Hast´genug Kraft in die Arm? Willst´ heut läuten? „   Natürlich wollte ich und so schwer kann es ja nicht sein dachte ich, wenn das alte schmächtige Weiblein  diese Arbeit verrichten kann, also ging ich mit. Auf dem Glockenboden angekommen sah ich, dass oben unter dem Dach des Glockenturms an dicken Balken drei Glocken hingen, von denen je ein dickes gedrehtes Hanfseil herabhing, an welchem am unteren Ende ein wulstiger Knoten geschlungen war, der verhindern sollte, dass  das Hanfseil durch die Hand  gleiten konnte. Zum Gebetläuten wurde nur die kleine Glocke in Bewegung gesetzt, die beiden anderen Glocken hörte man nur an Sonn- und Feiertagen mit der kleinen Glocke zusammen im Dreiklang. Rettel sagte zu mir: „ Ich zieh´ die Glocke in Schwung, dann kannst´ weiterläuten bis ich  sie wieder  bremsen muss.“ Dann horchte sie  auf das präzise Uhrwerk der Turmuhr bis dieses zur vollen Stunde  ein knackendes Geräusch von sich gab und  ergriff dabei das Hanfseil der kleinen Glocke so weit oben, wie sie es mit ausgestreckten Armen  erreichen konnte. Genau um 18 Uhr zog sie dann mit aller Kraft an dem Seil und der erste Glockenton erklang. Jede Schwingung der Glocke zog das Seil hoch und wenn die Glocke zur anderen Seite schwang wurde das Seil wieder länger. Rettel hatte das Seil fest mit beiden Händen umklammert und zog daran, wenn es sich verlängerte.

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„ Nimm das Seil und zieh mit“ sagte sie zu mir und ich fasste zu und zog zusammen mit der Rettel am Glockenseil. Plötzlich ließ Rettel das Seil los und meine lachend:“ Jetzt du alleine „ und stellte sich mit vor dem Körper verschränkten Armen hinter mich. Ich musste wirklich meine ganze Kraft aufbieten, um die Glocke in Schwung zu halten. Waren es drei Minuten, waren es fünf Minuten? Mir kam es endlos lange vor, bis Rettel wieder das Seil ergriff und sich wie an ein Kletterseil mit überkreuzten Beinen mit ihren  gesamten Körpergewicht in das Seil hing, um ein Zurückschwingen der Glocke zu verhindern. Die schwere Glocke zog sie etwa einen halben Meter hoch in die Luft und Rettel lachte und rief juhu und zappelte mit ihren Füßen. Als das Seil wieder nach unten kam hielt sie es mit aller Kraft unten und bewirkte so, dass die kleine Glocke mit einem Mal verstummte und nicht mehr nachbimmelte. Dann durfte ich noch mit dem großen verzierten Schlüssel die Kirchentüre wieder verschließen und wir gingen gemeinsam hinunter in das Dorf. Von diesem Tag an habe ich öfter mal die Rettel in den Kirchturm begleitet und durfte am Seil ziehen.  Rettel wurde älter und  hat ihr Ehrenamt ihrer Tochter übertragen, die mit der selben Gewissenhaftigkeit noch jahrelang  dafür sorgte, dass man im Dorf und in den umliegenden Bauernhöfen immer genau wusste wie spät es  war. An Sonntagen riefen alle drei Glocken zum Kirchgang und wenn am Schluss des Gottesdienstes das Vaterunser gesprochen wurde  erklang  genau nach dem Amen die große Glocke. Sonntags waren auch immer 2 Burschen der Dorfjugend mit im Glockenturm und haben an den Seilen gezogen, ich gehörte oft mit dazu.   In unserem Dorf war als einzige Fabrik eine Eisengießerei, welche auch emaillierte Bratpfannen herstellte, die nach 1950 gerne  gekauft wurden. Die Fabrik zahlte Steuern  in die Gemeindekasse und bot vielen Dorfbewohnern Arbeit und einen sicheren Verdienst. Der Fabrikbesitzer spendete auch und so kam es, dass unsere kleine Kirche eine elektrische Anlage bekam, die das Glockenläuten übernahm. Am Heiligen Abend sollten die Glocken erstmals  mit dieser Anlage  erklingen, die von der Empore aus gesteuert wurde. Rettels Tochter hatte man eingewiesen diese Anlage zu bedienen und so saß sie zur Christmette  neben mir in der vollbesetzten Kirche  auf den hinteren Plätzen der Empore neben der Türe zum Aufgang  in den Glockenboden und wir hörten beide andächtig die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium. Als der Pfarrer seine Predigt beendet hatte und die Kirchengemeinde das Vaterunser  murmelte, da legte die Tochter der Rettel ihre Hand auf die Knöpfe der elektrischen Anlage und löste mit dem Amen das Geläut der drei Glocken mit einem Druckschalter aus. Die Kirchenbesucher saßen andächtig auf ihren Plätzen und nickten anerkennend mit den Köpfen und tuschelten. Es war sehr feierlich, denn die gesamte Kirche wurde nur von Kerzen erhellt, die auf den Kirchenbänken vor den Besuchern standen. Nur auf der Kanzel brannte am Pult es Pfarrers eine kleine Leselampe und der Altar wurde von zwei Scheinwerfern angestrahlt. In diesem festlichen Halbdunkel war wohl ich der einzige Kirchenbesucher, der das tränennasse Gesicht der Rettel-Tochter sehen konnte. Sie schluchzte nicht und sie verbarg auch nicht ihr Gesicht. Sie weinte lautlos und es waren ganz sicher keine Freudentränen. Die Technik hatte Einzug gehalten und damit dem Dorf ein Stück liebenswerten Alltag genommen. Rettel und ihre Tochter leben längst nicht mehr und obwohl beide keine weiteren Angehörigen hatten, stehen im Sommer oft frische Feldblumen auf ihrem Grab. Es gibt also noch mehr Menschen die der Meinung sind, dass von Hand geläutete Glocken anders klingen, als die elektrisch gesteuerten Glockentöne. Hören Sie mal genau hin………., der Rettel zuliebe. Frohe Weihnachten !    

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Heimatglocken. 

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