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Als wir 1952 aus der Kleinstadt in ein nahe gelegenes Dorf umgezogen sind, hat sich für mich sehr viel verändert. Ich war der " Neue" in der Schulklasse, wurde bestaunt wie ein bunter Hund und meine Klassenkameraden versuchten herauszufinden wer der Stärkste war. Ich besuchte die zweite Klasse der kleinen Dorfschule in welcher es nur zwei Klassenzimmer gab. Die Schüler der Klassen 1-4 teilten sich ein Klassenzimmer und die Schüler der Klassen 5-8 waren im anderen Raum untergebracht. Im oberen Stockwerk der Schule waren die Wohnungen für die beiden Lehrer mit Familie eingerichtet. Wenn ich im Hof unseres Hauses spielte und einer der Lehrer nach dem Unterricht im Garten der Schule arbeitete, unterhielten wir uns natürlich oft über den Gartenzaun und sehr schnell hatten meine Mitschüler den Eindruck, dass mich der Herr Lehrer mehr mag, als die anderen und beobachteten mich argwöhnisch. Die Mehrzahl meiner Klassenkameraden wohnten im unteren Teil des Dorfes und hatten schon aufgrund des gemeinsamen Schulwegs eine kleine Clique gebildet. Die anderen Kinder hatten Landwirte als Eltern und mussten nach der Schule im elterlichen Betrieb mithelfen. So ergab es sich, dass ich wenig Spielkameraden meines Alters hatte und wir auch sonst im Dorf nur die nahen Nachbarn persönlich kannten. Der Winter 1952 war sehr streng, es fiel sehr viel Schnee und nur die Dorfstrasse war vom mit Pferden gezogenen Schneepflug von der weißen Pracht befreit. In der Wohnung über uns wohnte eine Witwe mit ihrem Sohn, die die Tageszeitung im Dorf ausgetragen hat, welche vom Verlag nachts angeliefert wurde. Meine Mutter hat sich oft mit dieser Nachbarin unterhalten. Man half sich gegenseitig und erledigte auch schon mal Besorgungen für den anderen mit. Wenige Tage vor dem heiligen Abend erfuhr meine Mutter von dieser Nachbarin, dass es im Dorf noch einige alte und einsame Menschen gibt, die keine Angehörigen mehr haben und vom Wohnungsamt eine Unterkunft in unserem Ort zugewiesen bekamen, weil sie schon zu alt waren, um nach ihrer Flucht aus den Ostgebieten noch im Inneren Deutschlands angesiedelt zu werden. In 10 km Entfernung befand sich ein großes Auffang- und Sammellager für Flüchtlinge und heimkehrende Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft. Meine Mutter und ich beschlossen spontan, diesen alleine lebenden Menschen eine kleine Weihnachtsüberraschung zu basteln. Viele Möglichkeiten gab es da nicht. Wir hatten Äpfel von Großmutters Apfelbaum, ein paar Walnüsse, Rosinen und selbstgebackenes Weihnachtsgebäck in Form von Zimtsternen und Haferflockenplätzchen und auch ein paar Anis-Springerle, die lange vor Weihnachten in einer geschnitzten Holzmodel geformt wurden, waren dabei. Wir steckten auf den Apfel mit einem zugespitzten Streichholz die Walnuss fest und malten ein Gesicht darauf. Aus einem roten Stoffrest bekam die Nuss noch eine Mütze wie ein Nikolaus und dann fädelten wir Rosinen auf einen Kupferdraht, der leicht gebogen zu Armen und angewinkelten Beinen bestimmt war. Aus Vorhangresten wurden dann viereckige Tücher geschnitten, auf diese je einer der Äpfel gesetzt und um ihn herum ein paar von den Plätzchen gelegt. Ein Zettel wurde auch noch dazu gelegt, auf welchem zu lesen war, dass das Christkind niemanden vergisst und ein frohes Weihnachtsfest wünscht, dazu alles Gute für das bald kommende neue Jahr und viel Gesundheit dazu. Sorgsam waren wir darauf bedacht, dass nichts darauf hinweisen könnte, von wem dieser Weihnachtsgruß stammt. Das Tuch wurde dann an den vier Ecken oben zusammengerafft und mit einer Schnur zugebunden. Als es am heiligen Abend dann gegen 19 Uhr stockdunkel war und alle Familien in den Häusern den heiligen Abend feierten, steckten wir unsere Beutel mit der Weihnachtsüberraschung in eine große Tasche und schlichen zu den Wohnungen dieser einsamen Menschen. Sorgsam achteten wir darauf, von niemandem gesehen zu werden.Es schneite und es war klirrend kalt und unsere Fußspuren waren im Nu wieder vom Schnee bedeckt. Jedem dieser betroffenen Leute wurde einer der Vorhangbeutel an die Türklinke gehängt, oder vor das Fenster gelegt, wenn sie ebenerdig wohnten. Wir vermuteten , dass fast alle abends um 22:30 Uhr noch zur Christmette gingen und unsre Überraschung auf jeden Fall gefunden wird. Es blieb bis heute ein Rätsel im Dorf, wer die Beutel verteilt hat, denn auch die Nachbarin über uns hat uns nicht verraten. Ich war damals erst 8 Jahre alt und durfte ausnahmsweise auch mit zur festlich beleuchteten Kirche gehen. Die kleine evangelische Dorfkirche war innen nur mit Kerzen erleuchtet, die auf den Kirchbänken standen , es war wohlig warm und ich stellte mir vor, wie wohl die einsamen Leute reagiert haben, wenn sie unseren Gruß vom Christkind fanden. Fast alle Dorfbewohner hatten sich in der Kirche versammelt und wir hatten das Gefühl dass wir nun auch zum Dorf gehören. Diese Erkenntnis , zusammen mit unserer heimlichen Aktion, wird für mich für immer unvergesslich bleiben. Ich hatte gelernt, dass es schöner ist zu geben als zu nehmen und dass man mit sehr wenig Eigenverzicht andere glücklich machen kann, die noch weniger haben. Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch in ein gesundes neues Jahr 2007 ! |


Ein Gruß vom Christkind.

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