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Ich erinnere mich noch ganz genau an den Heiligen Abend 1966. Ein eisiger Wind bedeckte schon morgens die einzige Straße die  zu unserem kleinen Dorf führte mit hohen Schneewehen . Der Winter meldete sich meistens schon in der ersten Oktoberwoche mit Kälte und Schnee und blieb dann bis Ende April  in dieser rauen Gegend nahe der ehemaligen Grenze zur damaligen DDR. Kaum hatte sich der Schneepflug der Straßenmeisterei einen Weg gebahnt, war  nach einer oder nach zwei Stunden  die schmale Straße wieder mit dünengleich aneinandergereihten Schneewehen  unpassierbar. Wen interessierte es schon, ob die  Bewohner der 21 Häuser  in diesem "Dörflein am Ende der Welt "  noch weihnachtliche Besorgungen zu erledigen hatten und in die 12 km entfernte Stadt fahren mussten.  Die Straße schnitt das Dorf in zwei Teile. Links gab es drei landwirtschaftliche Betriebe, einen winzigen Tante Emma-Laden, die Gastwirtschaft und einen Dorfteich. Rechts der Straße  war dann ein zweiter Dorfteich, drei Bauernhöfe und eine Schreinerei, die alte Dorfschule, ein Schuster und  etwas außerhalb des Ortes das Jagdschloss einer bekannten Adelsfamilie. Acht private , von ortsansässigen Handwerkern erbaute Eigenheime bildeten den Ortsrand.  In der Gastwirtschaft konnte man dreimal in der Woche eine Bestellung  abgeben, dann kaufte der Wirt in der im nächsten Ort gelegenen Metzgerei   Fleisch- und Wurstwaren ein und brachte auch vom Bäcker das bestellte Brot mit.  Er hatte ein altes Auto mit nur drei Rädern, welches knatterte und rauchte, wenn er aus den tiefer gelegenen Dorf über die Anhöhe in das nächstgelegene Dorf fuhr. An Tagen wie an diesem Heilig- Abend-Samstag  war eine solche Einkaufsfahrt für den Gastwirt natürlich unmöglich und die Sammelbestellung der Dorfbewohner blieb unerledigt. Ich wohnte mit meiner Familie und noch drei weiteren  Kollegen mit deren Familien in einem  "Zolldienstwohngebäude", in welchem auch ein Dienstraum eingerichtet war. Als Zollbeamter gehörte es zu meinen Aufgaben zusammen mit meinen Kollegen die Grenze zur DDR zu  kontrollieren.  Die Bahnlinie Hof-Gutenfürst-Leipzig führte unmittelbar an unserem Dorf vorbei und war die einzige unverminte  Stelle im eisernen Vorhang, die eine Möglichkeit zu einem Grenzübertritt geboten hätte. Nicht nur Republikflüchtlinge aus der DDR versuchten über die Geleise eine Flucht in den Westen, auch  einige westdeutsche Kriminelle  wollten sich über dieses Schlupfloch in den Osten absetzen um sich einer Verhaftung zu entziehen. Morgens um 5 Uhr  startete der erste Beamte seinen Streifendienst, der um 14 Uhr endete. Der nächste  Kollege lief dann von 14 - 22 Uhr Streife und dann begann von 22Uhr bis 5 Uhr morgens , meistens für zwei Kollegen, der Nachtdienst.  Im Winter konnte man  nur auf Skiern und dick mit einem wattierten Anzug bekleidet, solche langen Nachtstreifengänge überstehen.Wir hatten uns an neuralgischen Punkten kleine Schutzhütten auf eigene Kosten errichtet, die mit einem kleinen eisernen "Kanonenofen" versehen waren und in denen man dann mit Sicht auf die Grenze und die Bahnlinie auch längere Zeit postieren konnte. Meine beiden Kinder waren  an diesem Heiligen Abend  erst 3 Jahre und  1 Jahr alt und waren es gewohnt gegen 20 Uhr schon fest zu schlafen. Also meldete ich mich freiwillig  zum Nachtdienst, den ich  mit meinem Diensthund zusammen auch alleine in Dorfnähe verrichten konnte.  Meine Eltern wohnten ca. 40 km entfernt und hatten ihren Besuch zum ersten Weihnachtsfeiertag angekündigt , den wir dann gemeinsam, bei einem  Gänsebraten mit Knödeln und Kraut zum Mittagessen, feiern wollten. Es war aber bei solchen Absprachen immer ungewiss, ob die Wetterverhältnisse einen Besuch mit einem PKW zulassen und auch ob unser Besuch bei den Schwiegereltern am 2. Weihnachtsfeiertag  stattfinden konnte.  Ich hatte weder Führerschein noch Auto, ein Kollege musste uns mit seinem  PKW ins nächste Dorf fahren, dann gab es entweder einen Linienbus ( zweimal am Tag), oder die Möglichkeit mit der Eisenbahn zu fahren. Ich hatte mich an diesem Samstag nachmittags  für ein paar Stunden schlafen gelegt, abends gab es dann noch ein kleines Abendessen und um 18 Uhr wurden die Kerzen am Christbaum angezündet, der Hund wurde aus seinem Zwinger dazu geholt , bekam ein paar Hundeleckerbissen und die Kinder durften  Geschenke auspacken und mit ihren neuen Spielsachen  und leuchtenden Augen ausnahmsweise auch länger aufbleiben. Der Wind hatte sich gelegt und der Mondschein glitzerte auf dem unberührten Schnee der Felder. Die Luft war klar und kalt und über dem Dorf lag eine himmlische Stille, wie in einer leeren Kirche, als ich um 22 Uhr dick vermummt mit meinem Hund Arco meine Nachtschicht begann. Der Schnee gab seltsame fast stöhnende Laute von sich, wenn der Ski darüber fuhr, ein Beweis für eisige Kälte. Ich hatte in meinem Rucksack  trockenes Holz  und in eine alte Zeitung  2 Briketts eingewickelt und  wollte nach ein paar Runden im Dorf und um das Dorf, nahe der Bahnlinie und der Grenze , in einer der Schutzhütten  den Rest der Nacht verbringen.  Ich hatte auch ein paar getrocknete Tannenzapfen dabei, die in  flüssigen Talg getaucht waren und dann mit Sonnenblumenkernen ringsum gespickt wurden, als  kleines Geschenk für die  Waldvögel.  Auch ein paar Meisenknödel  hängte ich unterwegs in die Bäume am Wegrand, denn nach einem ausgiebigen  Festtagsessen am nächsten Tag war ein kleiner Spaziergang geplant, da konnte man dann schon sehen, ob die  kleinen Gaben an die Natur angenommen wurden.Als in der heiligen Nacht dann auch die letzten Glocken der umliegenden Dorfkirchen verstummt waren, war auch ich an der kleinen Schutzhütte angekommen. Der Hund konnte es sich in einer angebauten Hundehütte auf dicker Strohunterlage bequem machen. Schlafen durfte er freilich nicht, er musste jede  Bewegung und jeden Laut im Umkreis von 500 Metern sofort anzeigen.  Mir kam die Melodie des Liedes " Stille Nacht, heilige Nacht" in den Sinn in dessen Text es heißt:."...........alles schläft, einsam wacht..." und ich habe die Ruhe und die wohlige Wärme des kleinen Ofens  genossen und die wie verzauberte Schneelandschaft im Mondlicht  mit allen meinen Sinnen aufgenommen. Es muss schon nach 2 Uhr morgens gewesen sein, als ich  auf der anderen Seite der Grenze eine Fußstreife der Volkspolizei in weißen Tarnanzügen näherte. Ich trat aus der kleinen Hütte am Waldrand und stellte mich für die beiden Kollegen  auf der  anderen Seite gut sichtbar neben meine Skier. Ich formte beide Hände wie einen Trichter vor dem Mund und rief laut in die Stille der Nacht " Frohe Weihnachten ". Zuerst wurde ich von meinem Gegenüber lange Zeit durch zwei Ferngläser eingehend begutachtet, dann streckte einer der  Grenzwächter einen Arm  in die Luft und runderte damit im Kreis herum. Dann knickte er den Arm ab und machte eine Bewegung, als würde er mit einer Säge einen kleinen Baum absägen. Beides zusammen war das international bekannte Zeichen für  Arschgeige ! Dann lachten die Beiden einmal laut und setzten ihren Fußmarsch fort.  Nein, ich habe mich darüber nicht geärgert. Ich habe mich damals gefragt was einen Menschen wohl in einer solchen  friedlichen Nacht dazu bewegen kann, von den Eindrücken der Natur und dem Zauber der Weihnacht nicht  gefangen zu sein. Durfte er nicht zeigen, dass auch er sensibel war? Musste er seinem Vorgesetzten etwas beweisen? Ich werde es nie erfahren. Heute, 40 Jahre später , würde ich gerne wieder einen solchen besinnlichen Weihnachtsabend in unberührter Natur erleben und auf Skiern  über dick verharschten Schnee  über weite verschneite Felder fahren. Ich wünsche allen Lesern dieser wahren Geschichte ein frohes und beschauliches Weihnachtsfest.

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Die Gesäßfiedel.

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