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Ich habe, meine Kinderzeit in einem kleinen  Dorf in Oberfranken verbringen dürfen / müssen  und  empfinde diese Jahre jetzt nach mehr als 50 Jahren und in einer  Großstadt lebend  als  ein ganz besonderes  Geschenk, welches mein späteres Leben weitgehend geprägt hat.  Ich durfte unbeschwert die das Dorf umgebende Natur zu meiner Kinderstube machen  und  die Zusammengehörigkeit einer  kleinen Dorfgemeinschaft erfahren. Es entstanden Kinderfreundschaften, die  bis jetzt Bestand haben und ich war der Mittelpunkt vieler lustiger Erlebnisse, die für immer unvergesslich bleiben werden.Ich musste aber auch mit den  harten Wintern und manchen heftigen Unwettern  aufwachsen, mit der  Nachkriegszeit und der damit verbundenen Entbehrung, die man als Kind noch viel heftiger und ungerecht empfindet.  In  „ meinem kleinen Dorf “  hatten  viele neue Familien Unterkunft  und Arbeit gefunden, die aus Schlesien  flüchten mussten. Eine Eisengießerei und eine Porzellanfabrik  bot Werkswohnungen und  Beschäftigung .  Am 3.Oktober 1953  wurde der Grundstein für eine kleine  Dorfkirche gelegt  und  1954  begann der Bau eines Schulhauses am Dorfrand. Bis zu dieser Zeit wurden alle Kinder der 8 Hauptschulklassen noch  in 2 Klassenräumen unterrichtet. Von den 17 Kindern meiner Schulklasse sind 8 davon erst kurz vorher  zugezogen , hatten  noch Probleme  sich zu integrieren und versuchten nun auch, sich zu behaupten. Ich schreibe diese Einleitung deshalb so ausführlich,  weil sie der wichtige Hintergrund meiner Erzählung ist. Die neue Kirche war kurz vor Weihnachten 1954 schon soweit errichtet, dass  die ersten Gottesdienste  stattfinden konnten. Ein noch sehr junger Pfarrer  bekam seine erste Pfarrstelle in unserem Dorf uns wartete ungeduldig mit  seiner  Ehefrau auf die Fertigstellung des Pfarrhauses. Um sich bekannt zu machen und um  die Kirchgänger besser zu kennen, traf man sich an jedem  Mittwoch am Abend in der neuen Kirche  zur Bibelstunde. Es war Winter, die  Felder und Wiesen lagen unter tiefem Schnee, da hatten auch die Landwirte abends Zeit und ganz nebenbei  erfuhr man während der Bibelstunde auch  den neuesten Klatsch und Tratsch  einer Dorfgemeinschaft. Das junge Pfarrerehepaar bemühte sich, auch die Dorfjugend in die Gemeinschaft der älteren Bewohner  einzubeziehen und  plante, eine der vorweihnachtlichen Bibelstunden mit einem Krippenspiel  der Kinder zu gestalten. Meine  Mitschüler  und ich waren 10 Jahre alt, wir waren die „ Auserwählten „ und probten mit großem Eifer an mehreren Nachmittagen unseren Auftritt.  Der Anführer der Hirten, sowie Josef und Maria mussten  kurze Texte solo singen, die anderen Kinder  bildeten den Chor der Hirten. Schon die Vorstellung ganz alleine und auch noch laut in einer vollbesetzten Kirche singen zu müssen, führte dazu, dass sich von meinen  Schulfreunden - und Freundinnen niemand außer mir freiwillig als Solosänger gemeldet hat.  Also bestimmte unser junger Pfarrer ein Mädchen für den Part der Maria und  einen Jungen aus  der 5.Klasse  als Josef.  Ich hatte als  „ Oberhirte“  den  längsten Text zu singen, verspürte aber weder Aufregung noch Lampenfieber, sondern  ärgerte mich  in kindlicher Wut über die  Zusammenstellung der  heiligen Familie durch unseren Herrn Pfarrer.  Woher sollte dieser auch wissen, dass ich  das Mädchen welches die Maria im Krippenspiel verkörperte seit der ersten Schulklasse heiß und innig verehrte  und ich mir in meinen Träumen  immer ihre Nähe gewünscht habe. Ich nenne sie hier in meiner Geschichte  Heidi, denn ich habe unser Dorf oft in meiner Fantasie von Oberfranken in die Alpen verlegt  und  Heidi auf eine Alm verbannt. Ich hätte ihr als der „Geisenpeter“  jeden Wunsch von den Augen abgelesen und erfüllt. Ich hätte auch als Robinson mit Heidi anstatt Freitag auf einer einsamen Insel leben wollen, oder in anderen Rollen meiner kindlichen Lektüren. Selbstverständlich habe ich Heidi auch wissen lassen, dass ich sie  heiß und innig liebe. Wir hatten auch nachmittags Schulunterricht  und ich legte ihr in der Mittagspause einen Zettel auf ihre Schulbank, mit der Aufschrift  ICH LIEBE DICH !  Heidi brach in Tränen aus und beruhigte sich nicht mehr, sodass sie der Lehrer  nachhause schickte. Ich musste eine Stunde lang nachsitzen und Heidi hat mich seit diesem Tag gemieden und nicht mehr beachtet.  Nun stand ein anderer als Josef neben ihr und ich war wütend auf den Pfarrer und eifersüchtig  auf  Horst, der den Josef verkörperte.  Dessen ungeachtet musste jeder von uns  sein eigenes Kostüm zusammenstellen und  sich um  Körbe oder Stalllaternen kümmern, die man als Hirte  mit sich führt.  Ich suchte mir als Hirtenstab einen  kerzengeraden jungen Stamm einer Haselnussstaude aus, den ich sehr mühsam mit meinem kleinen  und nicht besonders scharfen Taschenmesser  erst  wie ein Biber fällte und dann entrindete. Es war mehr ein junger Baum als ein Hirtenstab, mein Vater verwendete in später  als Stütze für die Wäscheleine, damit die aufgehängten Bettlaken nicht den Boden berührten. Als Weste  konnte ich  den Rückenwärmer aus zusammengenähten Hasenfellen verwenden, die meine Urgroßmutter noch  selbst gegerbt hatte  und als  Hut diente mir ein großer breitrandiger  schwarzer Filzstumpen  aus Alpaka-Filz, den meine Großmutter für sich zu einem eleganten Damenhut umformen wollte. Am Tag unseres Krippenspiels hatte es viel geschneit und trotzdem kamen auch die Landwirte aus den  entlegenen Gehöften mit  ihren Frauen und  Kindern zur Kirche , denn  so eine  willkommene Abwechslung im  bäuerlichen Alltag  gab es nicht oft.  Maria und Josef sollten bis zu ihrem Auftritt in der Sakristei warten, die Hirten trafen sich vor der Kirchentüre um singend in die Kirche einzuziehen.  Im Inneren der Kirche  war nur das schlichte Holzkreuz am Altar von hinten beleuchtet  und auf den Kirchenbänken  hatte jeder Besucher eine  Kerze  angezündet, die  die erwartungsvollen Gesichter und den Raum in warmem Glanz erhellte.  Der Kantor spiele bis zum Beginn unseres Singspiels  weihnachtliche Lieder auf dem alten Harmonium.  Wir Kinder standen aufgeregt in der Kälte vor der Kirche und warteten auf unseren Einsatz, als plötzlich aus dem Dunkel der Nacht die Mutter des Josef  zu uns kam und  mit weinerlicher Stimme berichtete, dass  ihr Horst aufgrund  eines vor Aufregung erlittenen Brechdurchfalls  das Bett hüten müsse und nicht fähig ist, am Krippenspiel teilzunehmen. Unser Herr Pfarrer überlegt nicht lange, klopfte mir auf die Schulter und verkündete, dass ich zuerst meine Rolle als Oberhirte singen  werde und dann in die Rolle des Josef schlüpfe, damit meine anderen Hirten und Hirtenfrauen  wieder beruhigt waren.  Nach dem letzen Schlag der Kirchturmuhr  traten die Hirten durch das Kirchenportal , ich lief als Erster voran und sang mit lauter und glockenheller Stimme:                                   

„Es ist für uns eine Zeit angekommen,                                                                                   

die bringt uns eine große Freud.“                                                                                           

Dann sang der  Hirtenchor noch einmal:                                                                               

 Chor:„Es ist für uns eine Zeit angekommen,                                                                       

die bringt uns eine große Freud.“                                                                                           

Danach sang ich wieder alleine:                                                                                             

„Übers schneebedeckte Feld,                                                                                                  

wandern wir, wandern wir,                                                                                                        

durch die weite, weiße Welt.“                                                                                                   

Wir bewegten uns dabei so langsam vorwärts im Mittelgang der Kirche, dass wir  den gesamten Text dieses Liedes  bis zur Ankunft vor dem Altar  singen konnten.  Ich liebe diese Melodie noch heute.                                                                                       

„Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise,                                                                    
es träumt der Wald einen tiefen Traum.“                                                                               
Chor: „Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise,                                                         
es träumt der Wald einen tiefen Traum.“                                                                               

“Durch den Schnee, der leise fällt,                                                                                         
wandern wir, wandern wir,                                                                                                       
durch die weite, weiße Welt.“                                                                                                   

„Am hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen,                                                                
erfüllt die Herzen mit Seeligkeit.“                                                                                            
Chor: „Am hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen,                                                    
erfüllt die Herzen mit Seeligkeit.“                                                                                            

Unterm sternbeglänztem Zelt,                                                                                                  
wandern wir, wandern wir,                                                                                                        
durch die weite, weiße Welt.                                                                                                     

Die Kirchenbesucher drehten sich alle zu uns um und im Halbdunkel verdeckt von uns Hirten konnte sich die Maria mit ihrem Puppenkind im Arm  aus der Sakristei hinter uns schleichen und  war total nervös, weil ihr Josef noch nicht eingetroffen war. Man hatte versäumt sie von der Änderung im Ablauf des Programms zu informieren. Wir Hirten standen im erhöhten Altarraum neben dem Aufgang zur Kanzel und sangen zusammen:                                                                                                 „Auf dem Berge da wehet der Wind,                                                                                    
Da wiegt die Maria ihr Kind,                                                                                                     
Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,                                                                          
Sie hat dazu kein Wiegenband.“                                                                                               Dabei  bildeten wir eine Gasse, durch die  Heidi als Maria  in den Vordergrund treten konnte. Ich als ihr „Ersatzjosef“  folgte ihr und als Maria dann sang:               

 "Ach Josef, lieber Josef mein,                                                                                                
ach, hilf mir doch wiegen mein Kindelein."                                                                           

Da legte ich neben ihr stehend den Arm um sie und  sang mit voller Inbrunst und  Glückseligkeit:                                                                                                                             

"Wie soll ich dir denn dein Kindlein wiegen?                                                                       
Ich kann ja vor Kälte die Finger  kaum biegen."                                                                  

Danach sang der  Chor der Hirten  noch  mit gedämpfter Stimme:                                 

„Schum, schei, schum, schei.“                                                                                                 Weil ich die mir übertragenen Aufgaben sehr ernst nahm und  als Oberhirte meinen Hirtenchor beistehen musste, verließ ich  für die kurze Dauer des  Schum, schei, schum, schei  meine  „Heidi-Maria“ und trat zurück in die Gruppe der Hirten, um mich gleich danach wieder vorne neben Maria zu stellen um sie erneut in den Arm zu nehmen. Einige aufmerksame  Zuschauer bedachten diesen Stellungswechsel mit einem Zwischenapplaus. Heidi lächelte gequält und  nur scheinbar glücklich in das Publikum , mir trat sie dabei rückwärts gegen das Schienbein und  raunte mir zu: „ Hau ab, du spinnst wohl ? “  Wir Kinder standen dann noch so lange vor der Kanzel, bis der Herr Pfarrer seinen vorweihnachtlichen  Bibeltext verlesen hatte, der die Herbergsuche von Josef und Maria zum Inhalt hatte und wir standen auch noch während der kurzen Predigt über  Gastfreundschaft und Geben und Nehmen und Teilen.  Heidi  hat wohl angenommen, dass es sich um eine  Regieanweisung unseres Herrn Pfarrers handelt, dass ich  meinen Arm um ihre Schultern legte und sie dabei fest an mich drückte und auch während der Predigt  jede Sekunde ihrer körperlichen Nähe genossen habe.  Nein,  diese Idee habe ich ganz alleine zum Krippenspiel beigesteuert  und ich spüre nach einiger Zeit, dass sich Heidi sogar etwas an mich lehnte. Wir bekamen nach der Veranstaltung großes Lob von allen Seiten, von Heidi wurde ich  mit menschenunwürdiger Verachtung  bestraft. Aber  ich konnte in meiner Erinnerung jede Sekunde unseres Auftritts  so oft wiederholen und  erleben, dass für mich  die Vorweihnachtszeit im Jahr 1954 für immer unvergesslich bleiben wird.  Im Sommer 1955 wechselte Heidi zur Realschule, ich zum Gymnasium und als wir uns 40 Jahre später bei einem Klassentreffen wieder begegnet sind habe ich danach dem selben Jesus am Holzkreuz in unserer Kirche  gedankt, der mir damals  die  glücklichste Stunde meines Kinderherzens ermöglicht hat, dass er uns nicht zusammengebracht hat. Im Winter 1954 hatte ich noch den Eindruck, er hätte mir  von seinem Kreuz herab zugelächelt und mit einem Auge gezwinkert.                                                                                                             Ich wünsche allen Menschen auf Erden Frieden und eine besinnliche  Weihnachtszeit.

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