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Wrunken .
Gemüse? Bäh! Rohkost? Igittigitt! Salat? Aber nur wenn er auf einem saftigen Hamburger liegt. Das ist die Meinung der meisten Jugendlichen in der heutigen Zeit. Ich war 1955 genau elf Jahre alt und wir hatten genug zu essen und mussten keinen Hunger leiden, wie in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg. Hungrig ist man im Alter von 11 Jahren natürlich immer, auch kurz nach dem Mittagessen. Dann gab es „ zwischendurch“ eben mal ein Butterbrot mit Senf bestrichen, oder man hielt eine trockene Scheibe Brot mal kurz unter den Wasserstrahl der Küchenspüle und streute dann Zucker auf das Brot. Köstlich war auch eine Scheibe Brot mit der Milchhaut, die sich nach dem kochen der Milch am anderen Tag auf der Milch gebildet hatte, oder eine Scheibe Brot mit einer selbst hergestellten Kräuterbutter bestrichen. Sie enthielt Brunnenkresse aus dem Dorfbach. Schnittlauch und andere Küchenkräuter aus dem eigenen Garten und viele essbare Wiesenkräuter, die man während eines Spaziergangs sammeln konnte. Nach der Schule wurden schnell die Hausaufgaben erledigt, dann traf man sich mit den anderen der Dorfjugend auf dem Dorfplatz, wo die Anwesenden in zwei Gruppen geteilt wurden. Dazu wurde eine Geldmünze in die Luft geworfen, wenn die Zahl sichtbar war wurde der Münzwerfer den Indianern zugeteilt, wurde die Rückseite der Münze sichtbar, das waren dann die Cowboys. Eine der Gruppen rannte sofort los, die anderen mussten noch ca. 15 Minuten lang warten und dann versuchen die gegnerische Mannschaft zu finden. Der nahe Wald war nur 5 Gehminuten vom Dorf entfernt, wenn man rannte war man noch schneller dort und hatte dann noch gut 10 Minuten lang Zeit um sich zu verstecken, oder um einen Hinterhalt zu errichten. Ich war lieber bei den Indianern, denn man hatte schnell mit einem Stück Schnur und einer Haselnussrute einen Bogen gebaut und ein paar gerade Äste für Pfeile konnte man auch leicht finden.So konnte man sich auf Distanz verteidigen und über die Cowboys lachen, die immer riefen: „ Peng! Leg dich hin, ich habe dich getroffen.“ Viele Stunden konnten wir so verbringen und irgendwann stellte sich auch der Hunger ein. Auf unserem Hausberg, dem Kornberg gab es viele Quellen, sodass man aus jedem bergabwärts fließendem Bächlein trinken konnte. Herrliches, erfrischendes Quellwasser ! Einige von uns mussten zu einer bestimmten Zeit wieder zuhause sein und verabschiedeten sich am späten Nachmittag. Wir anderen verteilten uns um die nahe liegenden Felder der Bauern zu inspizieren. Einige hatten zwischen die langen Reihen der Kartoffeln auch Gemüse angepflanzt. Wenn man Glück hatte, konnte man da einen Rettich stibitzen, oder ein paar Möhren. Nicht viel, sonst wäre unser „ Mundraub“ sicher bemerkt worden. Einige Bauern hatten Pferdemöhren ausgesät. Diese sind viel länger und dicker als normale Karotten, schmecken süß und saftig und machen satt. Man zog sie aus dem Ackerboden, wischte sie mit einem Büschel Gras sauber und mampfte sie in sich hinein. An anderer Stelle war „ Gemenge“ ausgesät. Da wuchsen Hafer und Erbsen auf einem Feld wild durcheinander. Die jungen süßen Erbsen waren sehr schmackhaft und wir setzten uns in das Feld und pflückten so viele Erbsen als möglich. Diese wurden dann in die unten zugebundenen Beine der Trainingshose gesteckt und wenn genug Erbsen gesammelt waren, wurden diese vom Feld entfernt am Waldrand sitzend genascht. Als der absolute Sattmacher war jedoch die Wrunke bevorzugt. Wrunken sind auch als Kellerrüben bekannt und im Geschmack dem Kohlrabi sehr nahe. Sie erreichen eine beachtliche Größe und wenn man alleine eine ganze Rübe gegessen hatte, konnte man laut rülpsen, wie ein Elch. Das Gelächter begann schon, wenn sich jeder seiner Hose ausgezogen hat, denn man musste auf Knien, fast bäuchlings zwischen den auf angehäufelten Dämmen wachsenden Rüben entlang robben, um zu den Wrunken zu kommen, die meistens inmitten des Rübenfeldes zwischen den Futterüben angepflanzt waren. Die Hosen mussten sauber bleiben, um unser Treiben nicht zu verraten, die von der Ackererde verschmierten Knie waren an einem Bach oder einem Teich schnell wieder gesäubert. Jeder von uns hatte sein Taschenmesser, oder einen kleinen Hirschfänger dabei, der in Bayern zu jeder Lederhose gehört. Damit wurden die Kellerüben geschält und in Stücke geschnitten, den Melonenscheiben ähnlich. Die Blätter, die Schalen und die Überreste wurden im Waldboden vergraben und die Spuren unserer Mahlzeit beseitigt. Es gab auch Wettessen, wer mehr Wrunken vertilgen konnte. Dann hat sich abends die Mutter zuhause gewundert, wenn man keinen Appetit hatte.

Heute wohne ich in einer Großstadt mit vielen Wochenmärkten und Gemüseständen, die alles anbieten…………außer Wrunken! Ich würde sie ungekocht essen wie damals, würde in Ermangelung von frischem Quellwasser ein alkoholfreies Weißbier dazu trinken um dann mein Glücksgefühl wie ein Elch laut röhrend und rülpsend zu verkünden.


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