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Die Jugendlichen in unserem kleinen Dorf in Oberfranken waren in drei Lager gespalten. Es gab die vom oberen Dorf, die vom unteren Dorf und die Kinder der Landwirte. Letztere traf man eigentlich nur während der Schulstunden, denn nach der Schule wenn wir anderen Kinder spielten, mussten sie zuhause oft sehr schwere Arbeit auf den Feldern und im Stall verrichten und ihren Eltern helfen. Das obere Dorf bestand aus den Häusern entlang des Dorfbaches und den Häusern am Kirchberg, dem Dorfplatz, drei Gastwirtschaften, zwei Bäckereien, einem Metzgerladen und 3 Kolonialwaren-Läden. Das untere Dorf war kein Dorf, es standen da nur drei Reihenhäuser, in denen die Arbeiter des ortsansässigen Eisenwerkes mit ihren Familien Werkswohnungen von ihrem Arbeitgeber erhalten hatten. Einige Familien mit mehreren Kindern fanden hier nach ihrer Flucht aus Schlesien Unterkunft und Arbeit, sodass die Zahl der Kinder des unteren Dorfes fast genau so groß war, wie die des oberen Dorfes. Fußballspiele des Oberdorfes gegen das Unterdorf wurden verbissen ausgetragen und endeten nicht selten mit Rangeleien oder wüsten Drohungen, wie sie unter 11 bis 12 jährigen Kindern üblich sind. Natürlich waren wir alle miteinander befreundet und planten schon während der morgendlichen Schulstunden, wie der folgende Nachmittag  gemeinsam gestaltet wird. In der nahe liegenden Stadt waren im Schreibwarengeschäft die ersten Comic- Hefte von Prinz Eisenherz erschienen, jeder wollte so stark sein wie er und weil einer unserer Mitschüler in einem Sägewerk wohnte und aus Lattenresten wundervolle Schwerter schnitzen konnte, traf sich das Oberdorf mit dem Unterdorf oft zu wilden Ritterspielen in einem höher gelegenen Waldstück. Bevor man auf der Verbindungsstraße zur 3 km entfernten Stadt in unser Dorf fuhr, kam man an ein paar dem Dorf zugehörenden Häusern vorbei, die einen eigenen Ortsteil bildeten. In einem dieser Häuser wohnte unser Schulfreund Ginndä. Er war ein Jahr älter als ich und der Sohn eines Bahnbeamten, der nebenbei auch eine kleine Landwirtschaft bearbeitete. Ginndä musste nach der Schule immer zuhause mitarbeiten und konnte sich nur selten an unseren Spielnachmittagen  beteiligen. Ginndä spielte gerne Fußball, hatte aber keinen Ball. Wir vom oberen Dorf hatten einen Ball, hatten aber keine Wiese auf der wir spielen durften. Zwar stand der etwas vom Dorf abseits gelegene Fußballplatz unseres Dorfvereins der Jugend zur Verfügung, jedoch war dieser mit der zerkleinerten Schlacke des Eisenwerks bestreut und es gab schlecht heilende und hässliche Schürfwunden, wenn man bei der Rangelei um den Ball  hingefallen ist. Ginndä konnte nicht gut Fußball spielen und seine Tritte mit den  Skischuhen an den Füßen waren gefürchtet, wenn wir anderen während des Spiels  im Sommer barfuss dem Ball nachrannten. Ginndä ward er Ansicht, dass zu einem Fußballspieler auch Fußballschuhe gehören und da er keine besaß, mussten eben die Skischuhe als Ersatz dienen. Zweimal im Jahr hatte der Ginndä seinen großen Auftritt. Immer dann, wenn die große längliche Wiese hinter der Scheune  beim elterlichen Anwesen abgemäht war und das trockene Heu eingefahren war. Dann durfte uns der Ginndä zu Fußballspielen auf der Wiese einladen und er genoss es sichtlich, für eine Woche lang der umworbene Mittelpunkt auf dem Schulhof zu sein. Er bestimmte auch, wer auf seiner Wiese spielen durfte und hatte während dieser kurzen Zeit viele Freunde, die um seine Gunst buhlten. Die abgemähte Wiese war ideal. Eine Längsseite war von der Scheune begrenzt, die gegenüberliegende Seite endete an einem schnurgeraden kultiviertem Bach, der nach der Wiese unter einer Brücke  hindurch und dann zwischen hohen Erlenbäumen mäandernd weiter plätscherte. Dieser Bach erforderte es, dass sich immer zwei der nicht so gut spielenden Fußballer zwischen den Erlenbäumen aufhalten mussten, die dann den in den Bach gefallenen Ball mit einem langen Ast an das Bachufer fischten und ihn mit einem heftigen Tritt zurück auf das Spielfeld schossen. Ich stand oft zwischen den Erlen, denn obwohl der Lederball mir gehörte, spielte ich angeblich nicht so gut, wie die schon im örtlichen Verein spielenden und trainierenden Schulkameraden. Abends hatten die Spieler viele blaue Flecken und die „Ballfischer“ hatten viele Quaddeln von den Stichen der schwarzen Pferdebremsen, die  blutrünstig  zwischen den Bäumen über dem Wasser schwirrten. Sie waren so groß und langsam, dass man sie mit der flachen Hand abwehren konnte, oder schon mit einem Schlag den Garaus machen konnte, bevor sie gestochen haben. Manchmal wurden sie aber im Eifer des Gefechts  ignoriert und man wurde gestochen. Die ins Wasser gefallenen Bremsen wurden ein paar Meter weiter Bach abwärts gierig von den Forellen von der Wasseroberfläche angenommen. So waren die Ballfischer genau so wichtig wie die Spieler der beiden Mannschaften und man konnte am anderen Tag in der großen Pause auf dem Schulhof auch stolz seine Blessuren vorzeigen und wurde geachtet. Wir brauchten keinen Schiedsrichter, denn jedes Foulspiel wurde sofort mit einem Gegenfoul gesühnt. Dann war man wieder quitt und der Vorfall war vergessen. Wir brauchten auch keine Uhr, denn  jeden Tag gegen 16:30 Uhr stand  die Mutter von Ginndä  zwischen Wohnhaus und Scheune , hielt die Hände trichterförmig vor den Mund und brüllte:                   “  G i n n d ä    j e t z t   o b ä    s c h n e l l,  d ä   V a d d ä   k u m m d   g l e i c h “ Der fränkische Dialekt macht aus einem harten t ein weiches d, aus dem Vater den Vadder und aus einem Günther den Ginndä.  Wenn die Mutter nach „Günther“ gerufen hätte, ich glaube der Ginndä hätte sich umgedreht und hätte geschaut, wer da wohl gemeint sein könnte. „ Der Vater kommt gleich“, das bedeutete für Ginndä Stallarbeit und das Ende seines sorglosen unterhaltsamen Nachmittags. Wenn er nicht mehr spielen konnte und durfte, dann hat das gefälligst auch für uns zu gelten, also erklärte er kurzerhand die schöne Wiese zu  seinem Familienbesitz und verjagte uns spätestens mit väterlichem Beistand, wenn  der Vater nach der Arbeit bei der Bahn zuhause angekommen war. Natürlich durfte ein solches Verhalten nicht ungestraft hingenommen werden ! Da waren sich das Oberdorf und das Unterdorf schnell einig. Doch wie sollte die Strafe ausfallen? Man brauchte den Ginndä noch für weitere Fußballspiele auf seiner Wiese, die ja auch noch einmal für eine Woche lang nach der Ernte des Grumet, dem zweiten Grasschnitt, unser Fußballplatz sein sollte.  Heimlich wurde hinter Ginndäs Rücken ein Urteil gesprochen. Hinterhältig und gemein waren wir und zugleich voller Freude und Spannung, ob unser Plan auch gelingt. Ginndä hatte volle, dichte  brandrote Haare auf dem Kopf, das wollten wir ändern. Einige von den Nichtfußballern begannen den Ginndä wegen seiner roten Haare zu veräppeln. Er wurde gefragt, wie oft er seinen Kopf mit Mist einreibt, weil die Haare so schnell und teilweise gelblich schimmernd wachsen. Andere fragten ihn, ob man die Champignons unter seiner roten Perücke schon ernten könnte und ab und zu schlug mal einer mit der flachen Hand auf Ginndäs Kopf und schrie :“ Do brennt wos…..“  Es dauerte nicht lange, da war auch dem Ginndä bewusst, dass seine roten Haare für die plötzlich entstandene Abneigung gegen ihn der Grund sind. Vertrauensvoll fragte er die vermeintlich ihm gut gesinnten Fußballkameraden , was er denn alles machen könnte, um eine andere Haarfarbe zu bekommen. Haare färben beim Friseur kam wegen Geldmangel nicht in Frage. Einer aus unserer Runde meinte dann ganz nebenbei, er hätte gehört, dass man die Haare alle abschneiden müsste und aus der Glatze wachsen dann neue Haare in einer anderen Farbe nach. Ob das aber tatsächlich so stimmt, das kann er nicht sagen, er hätte ja nur davon gehört, als er kürzlich selber beim Dorffriseur auf seinen Haarschnitt warten musste. Ginndä sagte nichts dazu und kam weiter mit seiner roten Haarpracht zur Schule, sodass wir glauben mussten, dass unse„ Racheplan“ nicht funktioniert hat. Eine Woche später fehlte der Ginndä morgens beim Unterricht, wurde aber eine Stunde später von seiner Mutter im Klassenzimmer abgeliefert. Ginndä hatte einen Strohhut auf dem Kopf und Ginndä hatte eine Vollglatze ! Das war ein Anblick ! Einer meiner Schulkameraden wälzte sich laut lachend und kreischend auf dem Fußboden im Klassenzimmer, bis ihn der Lehrer mit einer schallenden Ohrfeige in die Realität zurück holte. Wir klopften dem Ginndä in der Pause auf dem Schulhof anerkennend auf die Schultern, durften die Glatze einmal anfassen und versicherten ihm, dass wir schon ganz gespannt sind, welche Haarfarbe nachwachsen würde. Ginndä war zufrieden. Jeder wollte den Strohhut einmal aufsetzen, es entstand eine Rauferei um das begehrte Stück, man zupfte und zog daran und ratsch bestand der Hut nur noch aus einem zerfledderten Kranz mit einem Schweißband und einem zerbeulten Rand.  Es war Sommer und Ginndä  kam einen Tag später mit einem leichten Sonnenbrand auf dem Kopf zur Schule. Die Haut leuchtete in  einem kräftigeren Rot als vorher seine Haare. Das Getreide war erntereif und musste eingebracht werden, da waren die Nachmittage für Ginndä auf dem Feld arbeitsreich ausgefüllt. Auf Ginndäs Kopf hatten sich durch die Sommersonne große Blasen gebildet, er litt unter heftigen Schmerzen und hatte unser ehrliches Mitgefühl. Der Lehrer schickte ihn vom Unterricht wieder heim und meinte, er soll daheim im Schatten abwarten, bis die Kopfhaut wieder abgeheilt ist. Wenige Tage vor den großen Ferien würde er nicht mehr viel vom Unterricht versäumen. Wir verbrachten die Sonnentage und die Ferien so oft als möglich im Badeteich, der etwa eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt vom Dorf idyllisch am Wald gelegen als Freibadersatz diente. An dem Badestrand gegenüber gelegenen Ufer konnten wir erkennen, dass dort Ginndäs Mutter mit einem Rechen auf einer Wiese Heu wendete und sich dabei mit jemandem unterhielt, den wir nicht sehen konnten. Also schwammen wir neugierig zum anderen Ufer, tauchten bis zum Schilf und wateten lautlos wie die Indianer durch den Schlamm bis zum Rand des Teiches. Dann sahen wir ihn !  Ginndä lag wie ein  Maikäfer auf dem Rücken auf einer ausgeblichenen roten Decke, neben  ihm stand eine Milchkanne und die Tasche seiner Mutter.

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Ginndäs Kopf und der Hals war mit einem viereckigem nassen Kopftuch abgedeckt, welches sich bei jedem Atemzug hob und senkte. Manchmal hob Ginndä  leicht den Kopf an und rief unter dem Tuch hervor: „ Muddä  mei Kopf dud  sauwäh ! „  ( Mutter mein  Kopf  schmerzt  saumäßig) Dann drehte sich seine Mutter zu ihm um und antwortete: „ Duh dich nur noch aweng geduldn Ginndä, des is a guds Zeichn, do wachsn die Hoor ! “  (Gedulde dich noch ein wenig Günther. das ist ein gutes Zeichen, deine Haare wachsen) Wir hatten längst unseren Streich bereut und wünschten uns insgeheim wieder spannende Fußballspiele mit „ unserem Ginndä “ und wir hatten auch inzwischen eingesehen, dass ohne ihn Fußball auf seiner Wiese keinen Spaß macht. Als nach den Ferien die Schule wieder begonnen hatte und auch der Ginndä mit neuer roter Kurzhaarfrisur wieder zum Unterricht kam, wurde ihm anerkennend auf die Schultern geklopft, er wurde geknufft  und gezwickt und wenn er dann laut Au rief, sagten wir fast einstimmig wie ein Chor:“ Duh dich nur aweng geduldn Ginndä, des is a guds Zeichn, do wachsn die Hoor. Leider konnten wir Ginndäs fragenden und verblüfften Gesichtsausdruck nicht fotografieren, es wäre das Foto des Jahres 1955 gewesen !

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Ginndä.  

Ginndä

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