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Der Graf
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Eigentlich war sein Vorname Josef, aber alle in meinem kleinen Heimatdorf nannten ihn nur Sef. Er war Besitzer einer kleinen Getreidemühle und lebte sehr bescheiden und alleine in seinem alten Bauernhaus am Ende des Dorfes. Neben seinem Mühlenbetrieb  hatte er noch ein paar Kühe und Schweine im Stall seines geerbten Elternhauses und ernährte sich vom Ertrag einer kleinen Landwirtschaft. Es gab drei Mühlen im Dorf und eine Sägemühle etwas außerhalb. Der Sef verarbeitete nur Getreide, die andern Mühlen hatten kleine Sägewerke dabei und waren auch moderner eingerichtet. Die Landwirte im Dorf sorgten schon dafür, dass der „ Müller-Sef“ nicht arbeitslos wurde und die Mühle dem Dorf erhalten blieb. Der Sef hatte von Geburt an eine  Lippenspalte (Hasenscharte) und konnte deshalb einige Buchstaben  nur schlecht verständlich aussprechen.Die Hasenscharte versuchte er mit einem dichten Vollbart zu verdecken. Trotz seines Sprachfehlers bemühte sich der Sef hochdeutsch zu sprechen und weil er dem Ferdinand Graf von Zeppelin ähnlich sah, wurde an den Wirtshaustischen nur vom Graf Zeppelin gesprochen, wenn der Müller-Sef gemeint war. Obwohl der Sef nie in eines der drei Wirtshäuser ging, kam ihm sein Spitzname irgendwann doch zu Ohren und er ärgerte sich sehr darüber. Es waren Sommerferien und ich hatte die dritte Klasse unserer kleinen Dorfschule erfolgreich überstanden. Meine Kameraden spielten mal wieder wie so oft Fußball gegen die Jugend aus dem Unterdorf auf dem etwas außerhalb vom Dorf gelegenen Fußballplatz unseres Vereins, denn viele von ihnen waren stolze Vereinsmitglieder und spielten auch schon als Schülermannschaft gegen Gleichaltrige aus den umliegenden Orten. Eines Tages kamen zwei Fußballspieler unserer Dorfmannschaft in den Schulunterricht und verkündeten, dass  am selben Tag abends um 17 Uhr ein kleiner Test stattfindet, um zu sehen wer von uns Drittklässlern gut mit einem Fußball umgehen kann. Wer den Test bestanden hat und die Zustimmung der Eltern bekam, der wurde dann im Verein aufgenommen und durfte nach ein paar Trainingsstunden in der Schülermannschaft mitspielen. Ich habe an diesem Test nicht teilgenommen, weil mein Vater als Schiedsrichter fast an jedem Sonntag unterwegs war und ich ihn manchmal begleitet habe. Ich habe viele offene Schienbeine gesehen, aufgeschürfte Knie und blaue Flecken, wenn sich die Spieler nach dem Spiel im Dorfbach neben der Vereinsgaststätte  gewaschen haben. Wehe ihnen, wenn die einheimische Dorfmannschaft verloren hatte. Die aufgebrachten Zuschauer drohten mit Prügel und wüsten Beschimpfungen und nicht selten ließ man die Wut auch am Schiedsrichter aus, weil man ihm unterstellte, dass er zum Vorteil der Siegermannschaft gepfiffen hätte.  Ich spielte zwar hin und wieder mal in der Oberdorf-Mannschaft mit, wenn nicht genügend Kameraden für eine sportliche Auseinandersetzung Zeit hatten und stand dann immer im Tor, weil der Bruder meines Vaters der Torhüter des örtlichen Fußballvereins war. Natürlich bekam immer ich die Schuld wenn wir verloren, deshalb ging ich an sonnigen Ferientagen meinen Kameraden lieber aus dem Weg und strolchte alleine durch den nahen Wald und über Felder und Wiesen. Ich konnte stundenlang mit gefangen Insekten die Venus Fliegenfalle füttern, die  es in der Nähe meines Dorfes noch auf der Wiese gab, oder ich erfreute mich am Anblick des gefleckten Knabenkrauts, oder vergewisserte mich, ob die wild wachsende Trollblume schon Blüten angesetzt hatte. Um unseren Hausberg dem großen Kornberg gab es einige Quellen, deren Wasser als kleiner Bach entlang des Waldes zu Tal floss. Einer dieser Bächlein hatte den Namen Quarzbach, in ihm konnte man Bergkristalle finden. Der Quarzbach mündete in den Schwarzbach, dessen Wasser mit einem Wehr geteilt wurde, sodass der schnurgerade künstlich angelegte Mühlbach  immer mit genügend Strömung die Antriebskraft für die Mühlräder garantierte. Ein Ufer des Mühlbachs war mit Schwarzerlen und  Weiden bepflanzt, entlang des anderen Ufers führte ein Feldweg zum nahe gelegenen Badesee. Ein Fabrikbesitzer der nächsten Kreisstadt hatte die Fischrechte für den Mühlbach gepachtet und  diesen mit Forellen und Äschen besetzt. Man konnte Elleritzen bewundern, deren Jungbrut in Schwärmen wie kleine Stecknadeln auf und ab flitze. Wenn die Flussneunaugen zur Laichzeit Knäuel bildeten, oder sich der Steinbeißer durch den sandigen Grund im Bach wühlte, saß ich gerne unter einer Schatten spendenden Erle und beobachtete das Leben im Mühlbach. Oft schwirrte eine große blaugrüne Libelle wie ein Hubschrauber vor meinem Gesicht, um dann auf der anderen Seite des Bachufers auf einem Schilfrohr zu landen. Wenn mal ein Grashüpfer in den Bach fiel, schwamm er nicht lange an der Wasseroberfläche. Viele kapitale Forellen warteten auf solche Leckerbissen. Ich schnitt mir meistens unterwegs eine lange gerade Rute von einer der vielen Weiden  und verzierte diese dann mit meinem Fahrtenmesser mit allerlei Kerben in die Rinde. Dann legte ich die Rute quer über den ausgestreckten Zeigefinger, bis sie waagerecht ruhig liegen blieb. Diese Stelle an der Rute wurde dann als Griff markiert, das dickere Ende der Rute wurde angespitzt und schon hatte ich einen Speer, den man nicht nur weit werfen konnte, er eignete sich auch zum herumstochern in allerlei Löchern am Bachufer. So verbrachte ich diesen Nachmittag glücklich und zufrieden in der Natur und war immer dem Mühlbach folgend  wieder im Dorf angekommen. Ich konnte ungefähr 150 Meter weit nicht mehr dem Bachlauf folgen, denn da hatte die erste Sägemühle ihr Holzlager direkt neben dem Bach und der Müller sah es nicht gerne, wenn Kinder auf den gestapelten Baumstämmen spielten. Gleich nach dem Wohnhaus des Müllers floß der Bach wieder aus der Mühle, bis er wieder von einer Scheune überbaut nicht mehr zugänglich war. Unter der Scheune standen die größten Forellen ,leider konnte man sie nur sehen, wenn sie ihren schützenden Unterstand für kurze  Zeit verließen, um in dem von der Sonne beschienenen Teil des Bachs nach Futter zu suchen. Nach der Scheune durchquerte der Bach ein eingezäuntes Privatgrundsstück, floss dann an einer Gastwirtschaft mit Metzgerei vorbei zur Mühle vom Sef. Zwei große Platten aus heimischen Granit lagen als Brücke über dem Bach. Sie waren so stabil, dass man getrost mit schwer beladenem Fuhrwerk darüber fahren konnte. Die Steine waren durch die pralle Sommersonne aufgeheizt und angenehm warm, als ich mich auf die Brücke setzte und die Füße ins Wasser baumeln lies. Meinen Speer legte ich neben mich und überlegte  wo ich heimwärts noch große Löwenzahnstöcke für unsere Stallhasen finden könnte. Ich sah den kleinen Elleritzen zu, wie sie im Bach auf und ab flitzten , sah den Vögeln nach, die in den umstehenden Bäumen nisteten und beobachtete eine Bachstelze, die wippend auf einem aus dem Wasser ragenden Stein gelandet war. Im Dorf war es ruhig, es war später Nachmittag und das ortsansässige Eisenwerk hatte noch nicht Feierabend. Plötzlich packte mich jemand von hinten am Ohr, drehte es und zog mich daran hoch.

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Der Müller-Sef hatte sich an mich herangeschlichen und schrie mit hochrotem Kopf:“ So Bürschen, jetzt habe ich Dich endlich erwischt. Dir werde ich schon helfen, meine Fische aus dem Bach zu fangen!“  So verstand ich es wenigstens, denn der Sef nuschelte  die Worte in seinen Vollbart und das Wort so klang wie no und Bürschchen klang wie Bünfden, helfen wie henfden usw. Ich war so erschrocken über den überraschenden Angriff und weil der Sef nicht aufhörte an meinem Ohr zu drehen, war ich den Tränen nahe. Sei zu jedem Erwachsenen immer höflich und rede ihn mit seinem Namen an, hatte man mir in meinem Elternhaus beigebracht. Also überlegte ich fieberhaft wie denn der Müller-Sef mit Nachnamen heißen könnte. Im nahen Jagdschloss wohnte ein Herr Baron von und zu, zu dem sagten alle im Dorf nur Herr Baron. Zum Pfarrer sagten alle nur Herr Pfarrer und das galt auch für den Herrn Lehrer.  Ich konnte also nichts verkehrt machen, wenn ich zu dem Grafen Zeppelin  nur Herr Graf sage. Also stammelte ich mit weinerlicher Stimme:“ Aber Herr Graf, ich hab doch überhaupt nichts gemacht?“ Woher sollte ich denn wissen, dass Graf Zeppelin der Spitzname vom Sef war. Au weia, da polterte er auch schon mit sich überschlagender Stimme los: „ Wennft du nof einmal dzagst Gnaf Zeppdelin su nir dann nomm if in die Snul  un zogs  nem Lehner.“ ( Wennst (das ist fränkisch) du noch einmal sagst Graf Zeppelin zu mir, dann komme ich in die Schule und sage es dem Lehrer.) Dann lies er endlich mein Ohr los, schnappte sich meinen schönen langen verzierten Speer und zerbrach ihn in zwei Teile. Das dünne Ende warf er in den Bach, das schöne, gekerbte und zugespitzte Teil nahm er mit und ging zurück zu seinem Haus. Abends erklärte mir dann mein Vater was ein Spitzname ist und wie man zu einem Spitznamen kommt. Er kannte viele Spitznamen unserer Dorfbewohner und warnte mich auch, diese jemals gegenüber den Erwachsenen zu benutzen. Der Bauer von dem wir jeden Abend unsere Milch holten hatte den Spitznamen  Butz. Komisch, seit diesem Tag sah ich den Butz mit ganz anderen Augen und er hielt mich für besonders freundlich, weil ich ihn immer schweigend angrinste, was  er es für ein Lächeln hielt. Um die Mühle vom Sef habe ich fortan immer einen großen Bogen gemacht. Einmal habe ich ihm heimlich zugesehen wie er seine Kühe auf die Viehweide hinter der Mühle getrieben hat. Da schwang der Sef doch tatsächlich das dicke Ende von meinem zerbrochenen Speer in der Luft herum um die Kühe anzutreiben. Viele Jahre später bei allen meinen Urlauben in Langenargen am schönen Bodensee erinnerte ich mich gerne an diese Geschichte mit dem Müller-Sef. Immer dann, wenn ein Zeppelin von Friedrichshafen kommend über unseren Köpfen schwebte.

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